08.12.: Wien – Das 365€-Ticket im Gesamtkonzept

Voraussichtlich zum Fahrplanwechsel im Dezember 2020 ist es soweit: nachdem RMV-weit zuerst Schüler*innen und danach Rentner*innen die 365€-Jahreskarte bekommen können, soll es nun auch für alle Wiesbadener Bürger*innen kommen. Aus diesem Anlass werfen wir ein Blick in die Stadt, die bei diesem Thema immer wieder als Beispiel herangezogen wird: Wien.

Einführung der 365€-Jahreskarte

Zum 1. Mai 2012 wurde in Wien als erster Stadt überhaupt das 365€-Ticket von der rot-grünen Wiener Regierung eingeführt, nachdem die Wiener Grünen sogar eine Jahreskarte für 100€ zunächst forderten. Damals bedeutete das 365€-Ticket eine Preisreduktion von 85€ — wobei es wohl sogar so war, dass die Wiener Linien, die Verkehrsbetriebe in der österreichischen Hauptstadt, den Preis für die Jahreskarte eigentlich um ca. 50€ erhöhen wollte.1)Wiener Linien: Die Jahreskarte um 1 Euro pro Tag: https://www.diepresse.com/682709/wiener-linien-die-jahreskarte-um-1-euro-pro-tag Die Ticketpreise wurden seither nicht erhöht.

1., Innere Stadt — Changing After 101 Years
Eine Straßenbahn der Linie 2.
(Bild: Douglas Sprott, 1., Innere Stadt — Changing After 101 Years, als gemeinfrei gekennzeichnet (CC BY-NC 2.0), Details auf Creative Commons)

Damit bietet Wien im Vergleich zu anderen Städten eine sehr günstige Jahreskarte für Erwachsene an:

Eine Randnotiz

Auch wenn für das Schüler- und das Seniorenticket im RMV-Gebiet die Wiener Jahreskarte als Modell herangezogen wird, so stimmt das nicht ganz, denn dort sind die entsprechenden Tickets sogar noch günstiger. Menschen älter als 63 Jahre zahlen nämlich nur 235€ für eine Jahreskarte in Wien, Schüler*innen können sogar für nur 70€ öffentliche Verkehrsmittel in Wien und im Umland nutzen.2)Ticketpreise in Wien: https://www.wienerlinien.at/eportal3/ep/channelView.do/pageTypeId/66526/channelId/-46648

Auswirkungen auf den Modal Split in Wien

Der Modal Split gibt an, welcher Anteil an Wegen mit welchem Verkehrsmittel zurückgelegt wird. Dabei belegen die „Öffis“ in Wien seit Jahren einen Wert von etwa 40% (im Vergleich zu 29% in 1993). Dieser Wert hat sich aber seit der Einführung der 365€-Jahreskarte nicht sonderlich verändert (2012: 39%). Das ist auch einer Studie aus diesem Jahr aufgefallen und hat daher auch das Mobilitätskonzept der Stadt Wien insgesamt in den Blick genommen.3)Laut Studie macht nicht 365-Euro-Ticket, sondern das Angebot Wiens Öffis attraktiv: https://www.derstandard.at/story/2000106413741/nicht-365-euro-jahreskarte-sondern-angebot-macht-wiens-oeffis-attraktiv

Das Mobilitätskonzept der Stadt Wien

Es ist ja schön, wenn meine Fahrkarte günstig ist, aber wenn der Bus nur alle 20 Minuten kommt, bringt das auch nichts.

Sprecher der Wiener Linien4)Jahresticket 365 Euro: Deutsche Städte mögen Wiener Modell: https://www.tagesspiegel.de/politik/oeffentlicher-nahverkehr-jahresticket-365-euro-deutsche-staedte-moegen-wiener-modell/22751878.html

Was der Sprecher der Wiener Linien gesagt hat, haben die Wiener Linien auch weitergedacht. So wurde in Wien in den letzten Jahren u.a. der Nahverkehr massiv ausgebaut. Jährlich investiert Wien 400 Millionen Euro in das Netz. Die größten Projekte der letzten Jahre sind dabei:

  • die Verlängerung der U2 in das Neubaugebiet Seestadt Aspern, die weit vor der Fertigstellung des Wohngebiets fertig war, damit die neuen Bewohner*innen dort sich direkt daran gewöhnen können, sowie
  • der Bau der neuen U5.

Aber auch zahlreiche kleine Maßnahmen tragen dazu bei, dass Wien als Musterbeispiel für attraktiven ÖPNV gilt. Und hierin scheint auch der Erfolg der Wiener Linien zu sein. Eine starke Verdichtung des Liniennetzes und des Fahrplantaktes haben erheblich zu den Fahrgastzuwächsen in Wien in den letzten Jahren beigetragen.

Einer der Elektrobusse, die durch die Wiener Innenstadt fahren. (Bild: Andrew Nash, Vienna Electric Bus April 2013 – 1, als gemeinfrei gekennzeichnet (CC BY-SA 2.0), Details auf Creative Commons)

Die Parkraumbewirtschaftung in Wien trägt aber auch einen entscheidenden Teil dazu bei. So kostet beispielsweise das sog. „Parkpickerl“ für Bewohnende des 1. Wiener Bezirk 10€ pro Monat, also 240€ für zwei Jahre. Wiesbaden verlangt für einen Bewohnerparkausweis für zwei Jahre 23,50€. Die Mehreinnahmen verwendet die Stadt Wien dann wiederum für überwiegend für den Ausbau der ÖPNV. Da überlegt man sich dann insgesamt natürlich mehrfach, ob man nicht lieber auf die Öffis umsteigt.

Dynamische Fahrgastinformation zeigt dicht hinereinader ankommende Busse der Linie 6
Die Echtzeitauskunft zeigt es: Der 10-Minutentakt bei der Linie 6 ist durcheinandergeraten. Der Abstand der einzelnen Busse der Linie 6 verringert sich. Verspätungen und mehrere hinterherfahrende Busse einer Linie sind die Folge (Foto: Bürger Pro Citybahn)

Zurück nach Wiesbaden

Wie bereits erwähnt, kommt voraussichtlich zum Dezember 2020 die 365€-Jahreskarte für alle, die sie nicht ohnehin schon hatten. Doch wenn man das Beispiel Wien sich anschaut, wird es damit aber nicht getan sein. Um den Modal Split in Wiesbaden zugunsten des Umweltverbundes zu beeinflussen, wird es weitere Maßnahmen brauchen, nämlich u.a.:

  • eine Neuverteilung des Straßenraums zugunsten des Umweltverbundes, damit Taktverdichtungen nicht im Stau stehen bleiben,
  • eine effektive Parkraumbewirtschaftung , die z.B. das kostenlose Parken im Innenstadtbereich beendet und den knappen Parkraum damit den Kurzzeitparkern, Shoppern und Arztbesuchern bereitstellt
  • eine Steigerung der Kapazität und der Attraktivität der ESWE Verkehr

Hier liefert die CityBahn ein für eine erste Stufe gutes Konzept, das den Nahverkehr in Wiesbaden auf stabilere Beine stellen kann.

Quellen   [ + ]

21.12. Der flache ULF in Wien

Die Wiener Straßenbahn gehört zu den 5 größten Straßenbahnbetrieben der Welt. Sie füllt die Lücke zwischen dem Wiener Busverkehr und der recht jungen erst 1976 eröffneten Wiener U-Bahn. Die Stadt Wien hat sich nach dem ersten Weltkrieg mit großem Erfolg um die sozialen Belange der Bevölkerung gekümmert. Dazu zählt neben dem städtischen Wohnungsbau mit hohem Anteil geförderter Wohnungen auch die Verkehrspolitik. Darum beträgt der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs im sogenannten Modal Split 39%, während der KFZ-Verkehr nur 27% ausmacht, d.h. fast umgekehrt wie in Wiesbaden. 2016 wurden von der Wiener Straßenbahn 305,8 Millionen Passagiere auf 28 Linien transportiert.

Rechts Flexity D 301 Linie 67 Fahrtrichtung Otto Probst Platz neben ULF. Man erkennt den sehr niedrigen Bahnsteig, der bei beiden Fahrzeugen für barrierefreien Einstieg genügt.
(Flexity by Manfred Helmer (c) bildstrecke.at)

Einen besonderen Wiener Rekord hält ULF. Die Abkürzung steht für „Ultra Low Floor“ und meint Niederflurfahrzeuge in Wien. Diese im gesamten Innenraum stufenfreien Züge haben eine Einstiegshöhe von nur 18 cm (Weltrekord), so dass schon höhere Bordsteine für einen barrierefreien Einstieg genügen. Im Gegensatz zu Bussen braucht es dafür weder ein langsames sorgfältiges Heranfahren, noch Kippen des Wagens oder Ausklappen einer Rampe, geht also einfach und schnell. Für höhere Bahnsteige ist der gesamte Zug höhenverstellbar.

Flexity D 301 Linie 67 Fahrtrichtung Otto Probst Platz

(Flexity D 301 by Manfred Helmer (c) bildstrecke.at)

Der bis auf Weiteres letzte ULF wurde 2017 in Dienst gestellt. Derzeit wird ULF durch neue Züge des Typs Bombardier Flexity 2 ergänzt, die den restlichen Fuhrpark schrittweise ersetzen sollen. Der erste neue Zug fuhr fahrplanmäßig am 6. Dezember 2018. (/ws)