10.12. Luxemburg: In einem Jahr zehn Mal um die Welt

Der 10. Dezember 2017 war ein kalter Wintertag in Luxemburg, der Hauptstadt des gleichnamigen Großherzogtums. Schneefall und Kälte hielten aber zahlreiche Gäste nicht davon ab, der Eröffnung von gleich zwei neuen Verkehrsmitteln beizuwohnen. An jenem Tag wurde nicht nur der neue Bahnhaltepunkt Pfaffenthal-Kirchberg sondern auch eine doppelte Standseilbahn sowie der erste Abschnitt der neuen Straßenbahn für Luxemburg eröffnet. Die Kombination Eisenbahn und Standseilbahn, zur Überbrückung des Höhenunterschieds zwischen Bahnhaltepunkt und Straßenbahnstation, dient seitdem der besseren Erschließung eines großen Gewerbegebiets am Kirchberg. Neben dem Messegelände Luxexpo haben hier das Europaparlament, die Universität und zahlreiche Unternehmen der Finanzbranche ihren Sitz. Weitere Firmen werden noch folgen. Bis 2030 rechnet die Stadt mit einer Verdoppelung der Pendlerzahlen zum Kirchberg auf insgesamt 60.000.1)https://de.wikipedia.org/wiki/Stater_Tram Um in den Stoßzeiten des Berufsverkehrs genügend Kapazität zu haben, waren daher leistungsfähige Verkehrsmittel gefragt. 

In 1 Minute 39 Meter hochgefahren

Standseilbahn
Zwei parallel angeordnete automatische Standseilbahnen verbinden die Bahnstation Pfaffenthal mit dem höher gelegenen Kirchberg. Zur Beschleunigung der Abwicklung sind Ein- und Ausstiegsseite getrennt (Foto: sk)

Die vollautomatische Standseilbahn, die den Bahnhalt Pfaffenthal mit der neuen Straßenbahnhaltestelle verbindet, ist daher gleich als Doppelanlage ausgeführt. Sind die Kabinen der einen Anlage unterwegs, kann in der anderen Anlage eingestiegen werden. Die Wartezeit ist auf diese Weise minimal. Zudem ist auch bei Ausfall einer Anlage der Betrieb gewährleistet. Dank geräumiger Kabinen ist die Beförderung von Rollstuhlnutzern, Kinderwagen und Fahrrädern kein Problem. In einer Minute Fahrzeit sind 39 Meter Höhenunterschied überwunden und die Bus- und Straßenbahnhaltestelle am Brückenkopf der Pont Grand-Duchesse Charlotte erreicht. Betreiber der Standseilbahn, die kostenlos genutzt werden kann, ist die luxemburgische Staatsbahn CFL. 

Eröffnung Seilbahn
Die Gäste der Eröffnung der Standseilbahn am 10. Dezember 2017 ließen sich von Kälte und Schneefall nicht die Laune verderben (Foto: GilPe unter Lizenz CC BY-SA 3.0)

Täglich nutzen 23.500 Fahrgäste die Straßenbahn

Der gleichzeitig mit der Standseilbahn eröffnete Bauabschnitt der Straßenbahn führt von der Bahnstation zum Messegelände mit Haltstellen an der Philharmonie, dem Europarlament und der Universitätsbibliothek. Ein halbes Jahr später erfolgte bereits die Verlängerung zum Stäreplaz/Etoile. In weiteren Bauabschnitten wird die Straßenbahn vorbei am Theater und Hauptbahnhof die Innenstadt durchqueren und auch den Flughafen anbinden. Park+Ride-Anlagen am Stadtrand erleichtern dann den Umstieg für Autofahrer aus dem Umland. Mit einer Fertigstellung der insgesamt 16 Kilometer langen Strecke wird bis 2021 gerechnet.

Straßenbahn am Kirchberg
Die neue Straßenbahnlinie erschließt zunächst den Kirchberg, wo sich das Messegelände, das Europäische Parlament, die Universität sowie zahlreiche Firmen der Finanzbranche angesiedelt haben. Die 45 Meter langen Straßenbahnen verkehren auf eigener begrünter Trasse. Parallel dazu verlaufen Fuß- und Radwege sowie die Autofahrbahnen. Das Bild entstand kurz nach Eröffnung am 03.01.2018 (Foto: sk)

Obwohl die Innenstadt derzeit noch nicht erreicht wird, befördert die Straßenbahn bereits heute täglich durchschnittlich 23.500 Fahrgäste. Insgesamt waren es im ersten Jahr 4,6 Millionen Fahrgäste 2)http://www.lessentiel.lu/de/luxemburg/story/die-tram-ist-zehnmal-um-die-welt-gefahren-21600543 Besonders während der dreiwöchigen Schueberfouer, einem der größten Jahrmärkte Europas, konnte die Straßenbahn ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. In der Zeit des Rummels nahmen 490.000 Menschen die Tram – an jedem der Wochenenden waren dies bis zu 40.000 Fahrgäste 3)https://www.lok-report.de/news/europa/item/7020-luxemburg-ausgezeichnete-tram-auslastung-zur-schueberfouer.html Die tatsächlichen Fahrgastzahlen lagen damit weit über den Prognosen. Im ersten Jahr legten die Straßenbahnzüge eine Strecke von 405.000 Kilometer zurück – das entspricht 10 Erdumrundungen. Bei den Fahrgästen kommt die neue Straßenbahn gut an. Laut einer Umfrage würden 83 Prozent der Befragten die Tram ihren Angehörigen empfehlen. 

Innenraum Straßenbahn
Sehr modern präsentiert sich die Luxemburger Straßenbahn innen. Die Hartschalensitze sind aber nur etwas für Kurzstreckenfahrgäste (Foto: sk)

Platz für bis zu 420 Fahrgäste

Mit der alten Straßenbahn, die von 1875 bis 1964 in der Stadt verkehrte hat die neue Luxtram nicht viele Gemeinsamkeiten. Die 45 Meter langen Straßenbahnwagen bieten Raum für bis zu 420 Fahrgäste. Acht Doppeltüren auf jeder Seite ermöglichen einen bequemen stufenlosen Einstieg. Markierungen auf dem Bahnsteig zeigen Rollstuhlfahrern an wo die Tür mit Aufstellfläche zum Stehen kommt. Bei einer Taktfrequenz zwischen drei und sechs Minuten können 10.000 Fahrgäste pro Stunde und Fahrtrichtung befördert werden 4)http://www.luxtram.lu/de/kapazitaet/. Dabei sehen die silber-schwarzen Züge mit bunten Glasscheiben an den Türen auch noch zeitlos elegant aus. 

Ab März 2020 kostenfreier Nahverkehr

Mit der neuen Straßenbahn ist Luxemburg für den Fahrgastzuwachs gerüstet, der erwartet wird, wenn ab März 2020 der kostenfreie Nahverkehr im Land Luxemburg kommt. Durch Steuern finanziert ist dann die Fahrt in Zügen (nur in der 2.Klasse), Bussen und Straßenbahnen für jeden kostenlos. Ziel der Maßnahme ist es den ÖPNV-Anteil zu steigern. Während aus Deutschland wegen dieser Maßnahme viele bewundernd nach Luxemburg schauen, ist die Maßnahme im Land selber umstritten. Schließlich hat Luxemburg schon heute niedrige Fahrpreise. Für Fahrten aus Deutschland gibt es günstige Kombiangebote (wie das Rheinland-Pfalz-Ticket Lux, mit dem man im Nahverkehr von Wiesbaden via Mainz und Koblenz für 30 Euro nach Luxemburg kommt!). Befürchtet wird, dass Fahrgastgewinne des ÖPNV in erster Linie zulasten des Fuß- und Radverkehrs gehen und die Kapazität des ÖPNV nicht für alle Fahrgäste ausreicht. Überfüllte Busse und Bahnen könnten Umsteiger aber schnell wieder ins Auto treiben (mehr zum Thema kostenfreier ÖPNV in Luxemburg bei Zukunft-Mobilität).

Auch in Hinblick auf das in vielen deutschen Städten diskutierte 365 Euro-Ticket wird es also spannend, welche Folgen der für die Fahrgäste kostenlose Nahverkehr in Luxemburg haben wird.

Quellen   [ + ]