Mit der Überraschungslinie zur HSK

Die ESWE ist öfter für eine Überraschung gut. Zum Ende der Sommerferien kommt sie nun mit einer neuen Buslinie um die Ecke – fast schon klammheimlich. Am Mittwoch lädt die ESWE zwar zur Pressekonferenz, um Hintergründe und Zahlen zur neuen Linie zu präsentieren. Der Merkurist fragte aber bereits vorher nach – doch zur Route und Taktung hüllt sich die ESWE in Schweigen.

Wir lüften das Geheimnis schon etwas früher für euch – dank etwas Nachhilfe vom RMV: Ab Montag, dem 12. August, wird in Wiesbaden die neue Linie 49 unterwegs sein. Sie wird eine neue Direktverbindung vom Hauptbahnhof zu den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken in Dotzheim herstellen. Sie führt vom Hauptbahnhof über den 1. Ring, die Schiersteiner Straße zur Haltestelle Waldstraße. Von da aus geht es über die Haltestellen Kahle Mühle P+R, Straßenmühle und Willi-Werner-Straße zur HSK. Eine einfache Fahrt dauert 18 Minuten.

Bisher sind die Fahrgäste von Hauptbahnhof zur HSK nur mit Umstieg unterwegs. Die neue Linie verkürzt die Reisezeit um knapp zehn Minuten und umgeht die oft unpünktliche Linie 4.

Dieser Bus verkehrt ab dem 12. August 2019, montags bis freitags von etwa 05:30 Uhr bis 10:30 Uhr und von etwa 14:30 Uhr bis 20:00 Uhr im 30- bis 60-Minuten-Takt. An der Taktung ändert sich auch in den Ferien nichts, lediglich die Abfahrtszeiten verschieben sich. Die Fahrtzeiten im Detail sind bereits in die RMV-App eingespeist. In die DB Navigator-App werden sie sicherlich auch bald Eingang finden. Die Fahrplantabellen findet ihr auf der RMV-Homepage:

Ein Blick ins Detail

Um ein bisschen detaillierter in diese Angebotserweiterung zu schauen, lohnt sich ein Blick in den Bildfahrplan dieser Linie. Dargestellt sind hier die einzelnen Fahrten im Tagesverlauf. Die rot markierten Fahrten können dabei von einem Bus geleistet werden. Für die schwarz markierten Fahrten stößt ein Verstärkerbus hinzu, der den 30-Minuten-Takt ermöglicht. Hierfür werden in den Stoßzeiten zwei Busse und mindestens zwei Busfahrer*innen benötigt.1)Die genaue Anzahl an benötigten Fahrern ist nicht trivial zu ermitteln, da die Fahrer des Verstärkerbusses davor bzw. danach anderweitig eingesetzt werden können. Gleichzeitig fährt der Verstärker aber in der Hauptverkehrszeit – für Einsätze davor und danach existiert also schon ein Fahrerüberhang. Auch fehlt die Berücksichtigung von Urlaubs-, Krankheits-, Fortbildungstagen. Die ESWE unterhält aktuell knapp drei Fahrer pro Bus.

Bildfahrplan der Linie 49 zu Schulzeiten

Die Wendezeiten am Hauptbahnhof und der HSK erlauben für den Stundentakt einen einzelnen, pendelnden Bus – also dass eine endende Linie 49 auch als Linie 49 wieder zurück fährt. Ähnliches gilt – wenn auch nur in kürzerem Zeitraum – auch für den Verstärkerbus. Ein Verflechtungspotenzial am Hauptbahnhof, also dass die Linie 49 (sobald am Ziel angekommen) als andere Linie weiterfährt, erscheint deswegen für den Hauptbus (rot) unwahrscheinlich, weil unnötig.

  • Der gesamte Fahrtweg (Hauptbahnhof > HSK > Hauptbahnhof) ist 10,8 km lang. Diese Strecke wird von den beiden notwendigen Bussen insgesamt 18 Mal am Tag gefahren – insgesamt also 194,4 km Buskilometer pro Tag.
  • Die Linie wird (wahrscheinlich) von einem Solobus gefahren. Bei einem Verbrauch von ca. 40 Litern auf 100 km entspricht das einem Tagesverbrauch von 77,76 Litern – und bei 230 Werktagen damit Treibstoffkosten von knapp 18.000 EUR jährlich.
  • Der Blick auf den Fahrplan verrät einen Mindestbedarf von 1,5 Busfahrer*innen für diese Linie. Die ESWE unterhält im Schnitt knapp 3 Fahrer pro Fahrzeug – Krankheit, Urlaub, Arbeitszeit, Fortbildung. So ergeben sich jährliche Personalkosten von (überschlägig) 68.000 EUR.
  • Und nun kommt’s: Der Hauptbus der Linie ist in den Hauptverkehrszeiten eingesetzt – einer Zeit, in der ohnehin der Großteil der ESWE-Flotte unterwegs ist. Da hier vermutlich kein Bus einfach so rum steht, ist es durchaus plausibel, einen Mehrbedarf von einem Bus anzunehmen. Ein zusätzlicher Bus der ESWE verursacht sprungfixe Kosten in Höhe von rund 300.000 EUR im Jahr (dann bereits inklusive Treibstoff und Personal.)

Fazit

Wir freuen uns, dass die ESWE Verkehr ihr Angebot weiter ausweitet und verbessert. Eine neue Direktverbindung, die Hauptbahnhof, P+R-Parkplatz und HSK verbindet und dabei nicht nur schneller ist, sondern vermutlich auch zuverlässiger: Für Pendler durchaus attraktiv. Bleibt zu hoffen, dass diese sie auch annehmen. Allerdings müssen dafür möglichst viele Menschen diese Linie vorher kennen – daher bleibt es schleierhaft, wieso diese Linie nicht langfristiger als fünf Tage zuvor beworben wird.

Weitere Verbesserungen im ÖPNV sind für Bürger und Stadt wünschenswert – auch, wenn für attraktive Angebote Geld in die Hand genommen werden muss. Der Nutzen kommt dann mit den Fahrgästen. In einem Bussystem wie dem in Wiesbaden lassen sich allerdings nicht beliebig mehr Busse und mehr Fahrer einsetzen – vor allem in den Hauptverkehrszeiten. Punktuelle Maßnahmen wie diese können entlasten, sind aber weder einfach noch günstig. Nachhaltig mehr Kapazität, Leistungsfähigkeit und Effizienz geht allerdings nur mit größeren Fahrzeugen.

Mit etwas Abstand betrachtet verleitet die neue Linie durchaus zu Spekulationen: Einsatz halbtags, vergleichsweise kurze Strecke, es pendelt im Wesentlichen ein einzelner Solobus. Auch die Eröffnungsfeier mit Bürgermeister, Verkehrsdezernent und Geschäftsführern der ESWE und HSK inklusive Presse wirkt etwas viel für eine simple Buslinie. Lugt hier etwa die erste E-Bus-Linie der ESWE durch?

Quellen   [ + ]

1. Die genaue Anzahl an benötigten Fahrern ist nicht trivial zu ermitteln, da die Fahrer des Verstärkerbusses davor bzw. danach anderweitig eingesetzt werden können. Gleichzeitig fährt der Verstärker aber in der Hauptverkehrszeit – für Einsätze davor und danach existiert also schon ein Fahrerüberhang. Auch fehlt die Berücksichtigung von Urlaubs-, Krankheits-, Fortbildungstagen. Die ESWE unterhält aktuell knapp drei Fahrer pro Bus.

8
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
1000
2 Kommentar Themen
6 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
mlBoris Brogmus Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Boris Brogmus
Gast
Boris Brogmus

(2/2) Nehmen wir mal 5 km an, da der Bus eventuell an den Endhaltestellen wenden muss. Dann kommt man bei 18 Fahrten auf 180 km Hin- und Rückweg am Tag. Und damit auf einen Verbrauch von 37,5 Liter/100 km von 67,5 Litern. Das sind schon fast 10 Liter weniger als in der Berechnung. Und das pro Tag! Multipliziert man nun die 77,76 Liter/Tag mit den 230 Werktagen, so erhält man 17.884,8 Liter. Berücksichtigt man dann noch die ca. 18.000 € Spritkosten, kommt man auf 1,006 € pro Liter. Das ist entweder ein Rechenfehler oder ein möglicher günstigerer Tankpreis für die… Weiterlesen »

ml
Admin

Hallo,
ja, der Artikel basiert an einigen Stellen auf Annahmen. Das sind allerdings weniger Spekulationen, sondern begründete Annahmen – daher haben wir für die Annahmen auch stets Begründung und Quellen angegeben. Dass Sie hier zum Beispiel den Bericht der Rheinbahn gelesen haben, zeigt ja, dass es funktioniert. Und Sinn macht, denn die Leser müssen ja die Quellen kennen, um zu bewerten, ob die Annahmen Sinn machen.
Inhaltlich zu den Punkten:

ml
Admin

[1] Wenn ein Verkehrsunternehmen in den Stoßzeiten (abseits der Ausfall- und Instandhaltungsreserve) noch Busse ‚einfach so rumstehen‘ hat, ist die Flotte ineffizient geplant. Insofern ist die Annahme in meinen Augen durchaus valide. Und selbst wenn der rumstünde, wären die Summe die Opportunitätskosten.
[2] Da die ESWE zuvor ja nichtmal Route und Taktung veröffentlichen wollte, halte ich es für Unwahrscheinlich, dass sie diese Information rausrückt.

ml
Admin

[3] Die 40 Liter sind für Solobusse durchaus verbreitete Annahme. Klar sind neuere Busse effizienter, gleichzeitig haben die dank Klima, Fahrgastanzeigen und Co aber auch mehr Verbraucher. Lässt sich beispielsweise auch hier nachlesen: https://www.ingelheim.de/fileadmin/Content/Leben___Soziales/Verkehr___Mobilitaet/Formulare_Downloads/Bericht_Ingelheim_OEPNV_2017-07-21a.pdf

ml
Admin

Natürlich wäre der IST-Verbrauch der ESWE-Solobusse eine bessere Grundlage – die Werte liegen uns aber nicht vor. Wenn Sie die haben: Gern her damit, dann pflegen wir die ein.

[4] Den vermeintlichen Rechenfehler kann ich nicht Nachvollziehen. 18 Touren à 10,8 Kilometer sind 194,4 Kilometer. 194,4 Kilometer mal 40 Liter pro 100 Kilometer sind 77,76 Liter.

ml
Admin

[5] Beim Dieselpreis habe ich mich am Endpreis für Großverbraucher orientiert:

https://www.bgl-ev.de/images/downloads/dieselpreisinformation.pdf

ml
Admin

Ich hoffe, ich konnte ein paar Fragen klären – wenn Sie Quellen beisteuern können: Gern her damit! 🙂

Boris Brogmus
Gast
Boris Brogmus

(1/2) Leider ist der Artikel zum Teil spekulativ. „Da hier vermutlich kein Bus einfach so rum steht“ wird gesagt. Woher weiß der Autor das? Es könnte doch genau so gut sein, dass eben wohl um diese Uhrzeit ein paar Busse herumstehen und man versucht, diese zu nutzen. Es wäre sinnvoller, wenn man hier zuvor von ESWE eine Stellungnahme hätte oder entsprechende Quelle hätte. Außerdem wurden die Kosten falsch berechnet. „40 Liter auf 100 km“ mit einer Quellenangabe, die besagt, dass bereits 2014 ein Solobus 37,5 Liter nur noch verbrauchte. Man könnte vermuten, dass es heute sogar noch weniger ist. Allerdings… Weiterlesen »