Straßburg: Die Straßenbahn als rollendes Kunstwerk

Öffentliche Verkehrsmittel prägen das Stadtbild. In manchen Städten sind sie sogar zum Wahrzeichen geworden – man denke beispielsweise an die roten Doppelstockbusse in London oder die Berliner S-Bahn. In Wiesbaden, wie in vielen anderen deutschen Städten, sind Busse äußerlich oft nur große Werbeflächen. In Frankreich verfolgen Städte eine andere Philosophie. Sie sehen die Straßenbahn nicht nur als Verkehrsmittel, sondern als Element zur Aufwertung des Stadtbildes. Daher achten sie bei der Beschaffung ihrer Straßenbahnen nicht nur auf Funktionalität sondern auch auf ein attraktives Design und eine zur Stadt passende Farbgebung. Den Imagegewinn sehen sie höher als die Werbeeinnahmen. Auch im elsässischen Straßburg will der dortige Verkehrsbetrieb CTS nicht nur Fahrgäste von A nach B bringen sondern sieht sich und seine Fahrzeuge auch als Bestandteil der Stadtkultur. Statt mit Werbung sind daher viele Busse und Straßenbahnen als rollende Kunstwerke unterwegs.

Straßenbahn Strasbourg mit Motiven Missy
Mit Motiven aus der Natur gestaltete die französische Künstlerin Missy die Beklebung dieser Straßburger Straßenbahn (Foto: SBG_1038_202003 by Tram Photos, auf Flickr)

Als rollende Kunst im öffentlichen Raum sind sie damit Hingucker für Passanten und Touristen. Sieht man eine solche Bahn wird der Alltagstrott aufgelockert. Vielleicht ist es auch Anregung mal wieder ein Museum zu besuchen. So zeigen zwei Straßenbahnen Motive des 2019 verstorbenen Tomi Ungerer, der nicht nur wegen seiner Bilderbücher für Kinder auch in Deutschland bekannt ist. Ungerer lebte abwechselnd in Irland und in Straßburg. Viele seiner Bilder stiftete er dem 2007 eröffneten Musée Tomi Ungerer – centre international de l’illustration.

Straßenbahn Strasbourg mit Motiven Tomi Ungerer
Der Grafiker und Schriftsteller Tomi Ungerer (1931-2019) wurde in Straßburg geboren. Dort kann man seine Werke nicht nur in einem Museum sondern auch auf der Straßenbahn und auf Bussen sehen (SBG_3009_202003 by Tram Photos, auf Flickr)
Straßenbahn Strasbourg mit Motiven Tomi Ungerer
Tomi Ungerers Zeichnungen sind manchmal böse und makaber. Eine Andeutung davon gibt die Gestaltung dieser Straßenbahn (Foto: SBG_3007_202003 by Tram Photos, auf Flickr)

Auch in Zusammenarbeit mit dem Straßburger Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMCS) kam Kunst auf die Schiene. Wie bei der von der New Yorker Künstler-Kollaboration FAILE gestalteten Pop-Art-Tram. Es ist zu hoffen, dass die Citybahn auch etwas französischen Chic nach Wiesbaden bringt und die Bahnen nicht wie in Mainz großflächig mit Werbung für Auto- oder Möbelhäuser zugekleistert werden.(sk)

Straßenbahn Strasbourg mit Motiven FAILE
Im Rahmen einer Ausstellung im Straßburger Museum für zeitgenössische Kunst (MAMCS) gestaltete die Künster-Kollaboration FAILE, die 1998/99 in Brooklyn gegründet wurde, diese Außengestaltung im Stil der Pop-Art (Foto: SBG_3008_202003 by Tram Photos, auf Flickr)

Verwendung der Fotos auf dieser Webseite mit freundlicher Genehmigung der Bildautoren.

Wie aus einer Straßenbahn ein Kunstwerk wird, zeigt folgendes Video am Beispiel der von Luc Schuiten gestalten Tram:

03.12. Grenzüberschreitend: Mit der Straßenbahn in die „Capitale de Noël“

Straßenbahnen verbinden, auch über Grenzen hinweg. Seit 2017 kann man von Kehl (rund 35.700 Einwohner) im Westen Baden-Württembergs über den Rhein direkt ins Zentrum von Straßburg (rund 277.000 Einwohner) fahren.

Pünktlich zum Start des Weihnachtsmarkt in der elsässischen Metropole, die sich selbst als Weihnachtshauptstadt („Capitale de Noël“) bezeichnet, wurde die Strecke dieses Jahr von der bisherigen Endstelle am Kehler Bahnhof bis zum Rathaus in der Stadtmitte verlängert. Montag bis Freitag nutzen zwischen 4.000 – 5.500 Fahrgäste täglich die neue Verbindung. Schon im ersten Monat verdoppelten sich die Fahrgastzahlen gegenüber der vorher bestehenden Busanbindung. Da die neue Strecke in beiden Richtungen auch viel für den Einkaufsverkehr genutzt wird, nutzen samstags sogar 7.000 Fahrgäste/Tag die Linie zwischen Kehl und Straßburg. So hat die Straßenbahnanbindung Kehls auch zur Belebung des dortigen Einzelhandels beigetragen, da viele Straßburger wegen der günstigen Einkaufsmöglichkeiten nach Kehl kommen. Auch die Wirtschaft profitiert von der neuen Linie. Während Arbeitsplätze in Straßburg rar sind, gibt es in Kehl und dem angrenzenden Ortenaukreis einen Arbeitskräftemangel. Durch die auch für Pendler attraktive Straßenbahnverbindung konnten viele dieser Stellen besetzt werden. Während des Weihnachtsmarktes verkehrt die Linie D zwischen den Zentren von Kehl und Straßburg alle 12-15 Minuten, in der Zeit von 16 bis 20 Uhr sogar alle 7 Minuten.

Eine Straßenbahnverbindung zwischen Kehl und Straßburg bestand schon einmal. Die politische Situation zwischen Deutschland und Frankreich nach dem ersten Weltkrieg beendete aber den Betrieb der 1898 eröffneten Straßenbahnverbindung. Das endgültige Aus kam dann 1944,  als die Brücke zwischen Straßburg und Kehl gesprengt wurde. Aber auch in Straßburg endete 1960 der Straßenbahnbetrieb. Dem damaligen Trend folgend kaufte man lieber neue Busse, als in die Straßenbahn zu investieren. In den folgenden Jahren wurde der zunehmende Individualverkehr und die sich damit verschlechternde Luftqualität aber immer mehr zum Problem. Ein leistungsfähiges und attraktives Verkehrsmittel musste her. Nachdem sich eine automatisch betriebene U-Bahn als zu teuer erwies, fasste das Stadtparlament von Straßburg 1989 dem Grundsatzbeschluss zur Wiedereinführung der Straßenbahn. Fünf Jahre später konnte bereits die erste Linie eröffnet werden. Heute bilden die sechs Straßenbahnlinien die Hauptachsen des ÖPNV-Angebots, das durch 28 Buslinien ergänzt wird.

Nach Nantes und Grenoble war Straßburg die dritte französische Stadt, die nach Stilllegung die Straßenbahn wieder einführte. Seitdem folgten 21 französische Städte diesem Vorbild. Mit der alten Tram hat die neue Straßenbahn aber nicht mehr viel gemein. Denn man nutzte nicht nur den technischen Fortschritt, sondern legte auch viel Wert auf gutes Design und eine optimale Einbindung in das Stadtbild. Wo früher Asphalt dominierte, wurde der Straßenraum neu aufgeteilt und Platz für die auf Rasengleis verkehrende Straßenbahn und neue Bäume geschaffen. Fast ohne Werbung und in eleganter Lackierung in weiß, braun- und grünmetallic sind die modernen Bahnen ohne Stufen heute aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. (/sk)

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