20.12. – Kassel: Die Gebrüder Grimm würden Straßenbahn fahren

Ein Gastbeitrag von Felix Möller,
Vorsitzender Partei der Humanisten Hessen

Als jemand, der in Kassel aufgewachsen ist – also in der Region, wo die Gebrüder Grimm einst die Märchen für ihre weltberühmte Sammlung aufgezeichnet haben -, kenne ich mich etwas mit den fiktiven und unterhaltsamen Geschichten aus. Märchen sind etwas Schönes, um Menschen zum Träumen anzuregen.

Während meines vierjährigen Lebensabschnitts in Wiesbaden habe ich allerlei Märchen zu hören bekommen: Straßenbahnen wären laut, ineffizient, unökologisch, bräuchten zu viel Platz, würden die Steigung nicht schaffen und würden Häuser zum Einstürzen bringen. Oft habe ich geschmunzelt über die Phantasie der Menschen, die solche Dinge erzählen.

Wenn es um politische Entscheidungen geht, ist es jedoch wichtig, Fiktion und Realität unterscheiden zu können. Die Realität der Straßenbahn in Kassel, die seit über 100 Jahren fährt, und die ich als Kind und Jugendlicher alltäglich erlebt habe, ist eine andere als diejenige, die in einem hitzigen Diskurs in Wiesbaden mitunter beschrieben wird.

Die RegioTram im Kasseler Hauptbahnhof. (Bild: Kassel RegioTram flickr photo by Albert Koch shared under a Creative Commons (BY-ND) license )

Als ich noch klein war, fuhren in Kassel noch Wagen mit Holzpaneelen und Treppchen, die man hoch steigen musste, um in den Wagen zu gelangen. Heute fahren moderne, barrierefreie Wagen, in die Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder bequem reingerollt werden können. Eine Fahrt mit der Straßenbahn empfinde ich als bequemer als mit dem Bus, da es weniger schaukelt.

Wenn die Straßenbahn voll ist, findet man eher noch Platz zum Stehen, denn der Gang ist weitgehend ebenerdig und da die Türen nicht wie im Bus nach innen öffnen, kann man auch dort stehen, solange man nicht die Laserschranke berührt. Die Straßenbahn empfinde ich auch als relativ leise. Man hört nur ein gleichmäßiges Rauschen. Sie fährt in der Regel im 4 -10-Minuten-Takt. Wer in letzter Minute rein springt, kann auch noch problemlos in der Bahn am Automaten eine Karte kaufen. 

In Kassel sind nicht nur die Gleise begrünt – sondern auch die Masten. (Bild: Kassel flickr photo by compujeramey shared under a Creative Commons (BY) license )

Seit ich zurückdenken kann, erinnere ich mich an keinerlei Beschwerden über die Straßenbahn. Die Straßenbahn war und ist ein praktisches und bequemes Verkehrsmittel, das jeder gerne nutzt. Wenn die Gebrüder Grimm heute noch im Torhaus des Wilhelmshöher Tors wohnen würden, könnten sie am Rathaus in die Linie 5 steigen, ohne Umstieg bis Baunatal fahren und sich dort mit Dorothea Viehmann treffen.

Alle vermeintlichen Problempunkte der in Wiesbaden geplanten Stadtbahn, die ich bisher gehört habe, sind in Kassel längst gelöst. Die Straßenbahn teilt sich über weite Abschnitte die Straße mit den Autos. Auf anderen Abschnitten hat sie ihr eigenes Gleisbett, manchmal auch einfach als Rasenfläche. Das reduziert die Flächenversiegelung, was eine Busspur nicht leisten kann. Sie teilt sich auch die Fuldabrücke mit dem Straßenverkehr. Die Reibungsgeräusche der Straßenbahn sind nichts im Vergleich zu einem hart anfahrenden Verbrennungsmotor oder dem Quietschen von Reifen, was auf den großen Straßen Wiesbadens regelmäßig zu hören ist.

Die RegioTram in der Innenstadt: Shopping und Queren? Kein Problem. An dem Fahrzeug erkennnt man deutlich die Taillierung – der Wagenkasten ist eigentlich 2,65 Meter breit. Um aber an die Bahnsteige der ’normalen‘ Kasseler Straßenbahn (Breite: 2.40 Meter) zu passen, verjüngen sich die Fahrzeuge nach unten. (Bild: RegioTram Kassel flickr photo by kaffeeeinstein shared under a Creative Commons (BY-SA) license )

Vor nicht allzu langer Zeit hat man die Möglichkeiten des Straßenbahnsystems in Kassel noch weiter gesteigert und mit der Regiotram eine Straßenbahn entwickelt, die auf Straßenbahnschienen und Eisenbahnschienen fahren kann. Am Hauptbahnhof kommt sie auf Eisenbahnschienen an, taucht dann unter dem Hauptbahnhof durch und fährt ganz einfach auf den Straßenbahnschienen in der Innenstadt weiter. Die Leute aus den umliegenden Dörfern und Kleinstädten können somit, ohne einen PKW bewegen zu müssen, in die Stadt fahren, in der Königsstraße aussteigen und dort einkaufen gehen. Das hat die umliegenden Dörfer zum Teil neu belebt und eröffnet neue Chancen für den Einzelhandel, der es in Zeiten von Amazon und Co. schwer hat.

Ähnlich wie die Regiotram könnte die Straßenbahn in Wiesbaden über die bereits vorhandene Trasse der Aartalbahn eine direkte Schienenverbindung von Bad Schwalbach bis in die Wiesbadener Innenstadt herstellen. Das würde auch die überlasteten Pendlerstrecken über den Taunuskamm entlasten.

Die RegioTram in der Kasseler Innenstadt. (Bild: Kassel Wilhelmsstraße flickr photo by UrbanManager shared under a Creative Commons (BY-NC-ND) license )

Unsere Städte verändern sich. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt und konzentrieren sich auf begrenztem Raum. Der Individualverkehr stößt jetzt schon an seine Grenzen, was Staus, Flächenverbrauch sowie Abgas- und Lärmbelastung angeht. Tendenz steigend. Wir brauchen technisch neue Lösungen, um dieser Probleme Herr zu werden. Andernfalls werden die Veränderungen uns beherrschen. Die Straßenbahn ist ein bewährtes Mittel, um große Mengen an Passagieren umweltfreundlich im städtischen Bereich zu transportieren. Nicht nur in hessischen Städten ist sie eine Erfolgsgeschichte. Auf der ganzen Welt entdecken Städte Straßenbahnsysteme als sinnvolle Lösung für zunehmende Verkehrs- und Klimaprobleme. Studien zeigen immer wieder, dass es die Menschen in die Nähe von Straßenbahnhaltestellen zieht. Dortige Grundstücke zählen zu den begehrtesten. 

Doch Veränderungen kosten Mut. Oft überwiegt Angst, etwas Vorhandenes zu verlieren, den Mut, Neues zu wagen. Insofern wünsche ich den Wiesbadenern für das kommende Jahr Mut zur Veränderung. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Wiesbadener und Mainzer Straßenbahn eines Tages bis in meinen Wohnort Hochheim fährt.

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