Pressemitteilung: Wie voll ist voll? Ergebnis des Bus-Experiments

Pressemitteilung vom 02. Oktober 2018

Wenn die wachsende Landeshauptstadt Wiesbaden ein zunehmendes Verkehrschaos und weitere negative Folgen in Zukunft verhindern will, sollten mehr Menschen bereit sein, auf Kurzstrecken vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Das wird allerdings nur geschehen, wenn dieser öffentliche Nahverkehr auch gut und komfortabel genutzt werden kann, also gerade in den Hauptverkehrszeiten morgens und abends von Umsteigewilligen nicht als unangenehm voll und – im wahrsten Sinne des Wortes – bedrückend empfunden wird. Kann ein alleiniges Bussystem das leisten? Und wie groß ist die Differenz zwischen einer noch angenehmen Belegung und den Maximalwerten, die von den Busherstellern angegeben und von manchen Akteuren in der verkehrspolitischen Diskussion fälschlicherweise als „normales Fassungsvermögen“ dargestellt werden?

Das hat unser Experiment am Sonntag beim Stadtfest auf der Wilhelmstrasse eindrucksvoll verdeutlicht: Ein 18 Meter langer Gelenkbus kann nicht mehr als 100 Fahrgäste halbwegs komfortabel transportieren. Sind mehr Fahrgästen im Bus, wird es nicht nur zunehmend unbequem und unsicher, auch das Ein- und Austeigen lässt sich dann nicht mehr in der im Fahrplan vorgesehenen Zeit bewerkstelligen. Ab ca. 120 Personen müssen Fahrgäste auch in Bereichen stehen, die dafür nicht vorgesehen sind und keine ausreichenden Haltemöglichkeiten bieten. Wenn der Bus mit über 130 Personen seine physische Maximalauslastung erreicht, ist eine betriebssichere Fahrt schon lange nicht mehr möglich.

Dies ist das Ergebnis des von der Bürgerinitiative „Bürger Pro CityBahn e.V.“ initiierten Experiments „Wie voll ist „voll“?“, welches am Sonntagnachmittag gemeinsam mit zahlreichen interessierten Teilnehmern im Rahmen des Stadtfestes durchgeführt wurde.

Für den Versuch hatte die Bürgerinitiative einen Gelenkbus vom Typ „MAN Lion’s City A23 G“ gemietet, der auf der Wilhelmstraße alle interessierten Bürger zum Mitmach-Experiment einlud. Die für eine erfolgreiche Durchführung erforderliche Teilnehmerzahl von 150 Personen war schnell erreicht, sodass der Versuch pünktlich um 16 Uhr beginnen konnte: Über die Vordertür stiegen nach und nach Menschen jeden Alters als „Fahrgäste“ zu.

Als mit 49 Personen alle Sitzplätze belegt waren, folgten zwei Kinderwägen und je einer Begleitperson durch die Mitteltür. In der nun folgenden Versuchsphase wurden sukzessive weitere Personen in den Bus gelassen, um nach und nach auch die Stehplatzfläche zu füllen. Hierbei wurden die bereits im Bus befindlichen Personen regelmäßig befragt, ob sie sich mit dem erreichten Fahrgastaufkommen eine Fahrt durch die Wiesbadener Innenstadt vorstellen könnten und ob sie dem Zustieg von weiteren Fahrgästen zustimmen würden. Bei etwa 80 Personen war für viele Fahrgäste die Grenze zu einer noch angenehmen Busfahrt erreicht, danach wurde das Ganze als sportlicher Wettkampf bis hin zur deutlich spürbaren „Quetsch- Belegung“ empfunden, die dann bei 128 Personen ihr Maximum gefunden hat.

Allerdings hätte der Bus bei dieser „Sardinen-Belegung“ zu einer realen Fahrt gar nicht erst starten dürfen, da die Fahrgäste auch den Sicherheitsbereich vor der gelben Linie in Anspruch genommen haben. Dieser Bereich ist während der Fahrt freizuhalten und soll so das freie Sichtfeld des Fahrers sicherstellen.

Um neben der Kapazitätsfrage auch die Frage der Praxistauglichkeit zu beleuchten wurde nach erreichen der maximalen Passagierzahl eine Gruppe von Passagieren zufällig nach bestimmten Ziffern Ihrer Teilnehmerkarten ausgewählt und zum Ausstieg über alle drei Türen aufgefordert. Auch hier wurde der negative Einfluss des hohen Fahrgastaufkommens auf den Komfort und die Umsteigzeit eindrucksvoll deutlich.

Die von der FDP-Rathausfraktion verbreitete Behauptungen, dass die im Wiesbadener Stadtverkehr eingesetzten Gelenkbusse ausreichend Platz für 145 Personen bieten würden und die Kapazitäten des Busverkehrs demnach “– selbst in den Spitzenzeiten – längst nicht ausgeschöpft“ seien, sind damit in der Praxis eindeutig widerlegt.

„Die Aktion ist ein voller Erfolg. Es ist uns hierbei eindrucksvoll gelungen, die Debatte über den Ausbau des Nahverkehrs mit realistischen Zahlen zu untermauern. Es ist vor allem deutlich geworden, dass die von der FDP propagierte Zahl von 145 Fahrgästen in einem Bus, kaum jemanden zur Nutzung des ÖPNVs motivieren wird. Eine wirkungsvolle Verringerung der hohen Verkehrsbelastung im Bereich des PKW-Verkehrs kann so jedenfalls auf keinen Fall erreicht werden. Die hohe Beteiligung an unserem Faktencheck zeigt das ausgeprägte Interesse der Wiesbadener Bürger an einer sachlichen und faktenbasierten Diskussion“, erklärt Angelo D’Amore, 1. Vorsitzender der BIPRO.

Neben Vertretern der Lokal- und Regionalpresse waren auch Lokalpolitiker verschiedener Parteien anwesend. Von Seiten der FDP-Rathausfraktion war der Fraktionsvorsitzende Christian Diers beim Test dabei.

„Die Diskussion um die Notwendigkeit einer Straßenbahn in Wiesbaden ist sehr stark von Emotionen geprägt, sodass sich eine sachliche und konstruktive Diskussion zunehmend schwierig gestaltet. Wir fordern die FDP-Rathausfraktion dazu auf, die Diskussion mit realitätsfernen Maximalangaben des Busherstellers nicht noch weiter anzuheizen sondern zu einer sachlichen und vor allem konstruktiven Diskussion zurückzukehren. Wir hoffen, dass die FDP zu einer Richtigstellung Ihrer ursprünglichen Pressemeldung bereit sein wird.“ meint abschließend Jürgen Gebhardt, stellvertretender Vorsitzender“ Bürger Pro CityBahn e.V.“ und von Beruf Busfahrer.

Die Busse der ESWE Verkehr haben ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Das zeigt sich im ungenügenden Platzangebot, häufigen Verspätungen, Pulk-Bildung auf eng getakteten Linien und Staus an den Bushaltestellen.

Wenn man Menschen dazu motivieren möchte, Ihre Wege mit dem ÖPNV statt mit dem Pkw zurückzulegen, muss man ihnen dort (auch zu Stoßzeiten) ein akzeptables Platzangebot bieten. Zumal Sie dort ja schon viel platzeffizienter unterwegs sind als in normalen Pkws, die üblicherweise nur mit 1,4 Personen pro Fahrzeug besetzt sind.

Die Bürgerinitiative „Bürger Pro CityBahn e.V.“ setzt sich für eine umweltfreundliche Verkehrswende in Wiesbaden und den Bau der CityBahn ein. Binnen wenige Wochen fanden sich mehr als dreihundert Unterstützer, die sachlich und faktenbasiert die Bevölkerung aufklären und an der Gestaltung eines „ÖPNVs mit Zukunft“ mitwirken wollen.

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