Filterblase ad extremum. Oder: Die Lügen in der Biebricher Allee

Die letzten Wochen vor dem Bürgerentscheid zur CityBahn sind angebrochen – die Protagonisten werden angespannter, die Bandagen härter – die Argumente aber nicht besser. So durfte sich Wiesbaden bereits in den letzten Wochen und Monaten über fragwürdige Banner oder skurrile Flyer freuen. 

Hinter dem emotionaler werdenden Diskurs, der eine Polarisierung des Pro- und Contra-Lager erzeugt, steckt eine Strategie: Wo Emotionen die Diskussion beherrschen, werden keine Argumente mehr benötigt – sofern die Befürworter und die Gegner überhaupt noch miteinander sprechen. Die fünf wichtigsten Strategien, die dazu vornehmlich von den Straßenbahngegnern angewandt werden, haben wir euch bereits vor einigen Monaten vorgestellt. 

Auf eine davon möchten wir aber nochmal anhand eines konkreten Beispiels eingehen: #4 – die Filterblase. Denn selten ließ sich die Funktionsweise und das beabsichtigtes Ziel der künstlich geschaffenen Filterblase der Straßenbahngegner einfacher erkennen. Um ihre alternative Version der Wahrheit zu verbreiten, gibt die BI Mitbestimmung aktiv Geld aus.

Die Chronik der Filterblase

Doch von vorn: Im Frühjahr diesen Jahres konnten wir einen engagierten und erfahrenen 3D-Artist gewinnen, der zeitgleich auch berufliche Erfahrungen in Verkehrsplanung und Architektur mitbringt. Er begann damit, die Lücke zu füllen, die schon seit Jahren seitens der offiziellen Stellen offen gelassen wurde: Realistische Visualisierungen der CityBahn in der Stadt. Grundlage dafür bilden die einsehbaren Planungsunterlagen der CityBahn, Gespräche mit den Planern selbst und Begehungen vor Ort.

  • 13. August
    Die erste Visualisierungsentwürfe wurden in unserem semi-öffentlichen, internen Forum zur Diskussion gestellt. Grundlage bildeten die öffentlich einsehbaren Planungsunterlagen der CityBahn. Nach intensiver Diskussion wurden einige Motive festgezurrt, darunter die Biebricher Allee und die Rheinstraße. Diese Motive wurden der Presse, den Unterstützerverbänden und der Stadtpolitik zur kostenfreien Verwendung zur Verfügung gestellt.
  • 28. August
    Die BI Mitbestimmung wechselt ihr Facebook-Titelbild auf eine selbst erstellte, diskutable Fotomontage der Bahnhofstraße.
  • 01. September, 14.57 Uhr
    Der Merkurist berichtet über die korrigierte Kostenschätzung zur CityBahn. Er bedient sich dafür als erster unserer Visualisierungen – Hauptbild des Artikels wurde die Visualisierung der Biebricher Allee.
  • 01. September, 19.39 Uhr
    Die BI Mitbestimmung teilt den Artikel des Merkurists. Wenige Minuten später (20:42 Uhr) veränderten sie den Text noch einmal – ergänzten den Link zum Artikel und bauten weitere, faktische Fehler ein.
    Noch am selben Tag lässt die BI Mitbestimmung diesen Post bewerben – gibt also Geld dafür aus, dass Facebook diesen auch Leuten anzeigt, die nicht Fan der BI-Facebookseite sind.
Screenshot des „Werbeanzeigenmanagers“, BI Mitbestimmung (Facebook, 04. September).

Da Sie ja sicherlich als wertschätzende Bürger dieser Stadt an einem ehrlichen Austausch, Wahrheit und Fakten interessiert sind, stelle ich mich als Ersteller dieser Visualisierung gerne Ihrer Kritik.

  • Die Oberleitung ist realitätsgetreu dargestellt, befestigt an den Masten der schon vorhandenen Straßenbeleuchtung, die nach jedem dritten oder vierten Baum schon heute dort stehen.
  • Auf dem Originalfoto ist noch weniger Verkehr als in der Visualisierung
  • Genau ein solches Grün habe ich in Dresden zigfach gesehen, Mitte Juli. Zudem ist es normal, dass Grünflächen unter zunehmend heißen Sommem leiden. Würde man deswegen auch Parks abschaffen? Trotz allem schlucken Rasengleise mehr Schall als Asphalt, heizen sich weniger auf und sind fürs Klima besser
  • Die Entsiegelung der Fahrbahnmitte ermöglicht es dem Wurzelwerk der Bäume in alle Richtungen zu wachsen, nicht so wie jetzt nur zur Häuserseite. Viele Bäume dort sind sehr trocken und krank.
  • In der Visualisierung IST die Fahrbahn bereits den Planungen entsprechend aufgeweitet, der Bahnkörper mit plus zwei Fahrspuren (übrigens breiter als 2,50m) passen zwischen die Baumreihen, außer im Kreuzungsbereich, weil man dort zusätzliche Abbiegespuren benötigt.
  • Sollten bei Ablehnung der CityBahn irgendwann Busspuren auf der Biebricher Allee notwendig werden, brauchen diese eine Breite von 7,50m wegen fehlenden Spurgenauigkeit der Busse im Vergleich zu einem schienengebundenen System.
  • DAS würde bedeuten. dass keine vier Spuren zwischen die Bäume passen, weshalb entweder eine gesamte Seite gefällt werden muss, oder eine der Spuren seitlich neben der Baumreihe direkt vor den Häusern geführt werden muss.

Astwerk in einem Foto zu verändern ist aus grafischen Gründen quasi nicht möglich. In der Realität werden Bäume – wie auch auf anderen Straßen – dort gekürzt, wo die Durchfahrtshöhe für LKW nicht ausreichend ist. Das ist jetzt schon so und wird sich nicht wesentlich ändern.

Grundsätzlich ist es ein Gewinn, geordnete Fahrspuren zu haben anstatt der jetzigen überbreiten, die einige Verkehrsteilnehmer zu Raserei und gewagtem Überholen animieren.

Nur wenig später Antwort trudelten die ersten “Gegenargumente” ein – geduldet vom Seiteninhaber und fernab jeglicher sachlichen Kritik.

  • 02. September, 19 Uhr
    Die BI Mitbestimmung antwortet erstmalig und bringt die eigene, fachlich falsche Visualisierung der Biebricher Allee abermals in Position:

Hier kommen wir der Sache schon näher; auch wenn nicht Maßstabsgerecht; wir verfügen ja schließlich nicht über einen kommunalen Geldtopf, der niemals versickert. Ist übrigens schon aus 2017 und trotzdem aktueller.

Optisch ist Ihr Entwurf sehr hübsch anzuschauen, technisch aber eben nicht auf aktuellsten Stand. Allerdings ist Ihnen persönlich kein Vorwurf zu machen; als ortsfremdes Büro erstellen Sie ja lediglich, wie vom Auftraggeber gewünscht und verbreitet.

  • 05. September
    Nach weiterem, mal mehr, mal weniger gehaltvollen Hin und Her wechselt die BI Mitbestimmung abermals das Titelbild – diesmal zur (fachlich falschen) Darstellung der Biebricher Allee.
  • 07. September
    Jan Schlotter wurde – zusammen mit einigen weiteren  Befürwortern – von der Facebookseite der BI Mitbestimmung geblockt, seine Erklärungen und Einwände damit entfernt.

Zu den „Fakten“ des Originalposts

Wie bereits mehrfach erwähnt, ist der Post, um den es sich hier dreht – auch fachlich falsch. Das wollen wir natürlich belegen. Im Originalpost heißt es:

Faktendienstag:
Die Fotomontage im VRM (Merkurist) lässt nicht erahnen, dass die Biebricher Allee an dieser Stelle aktuell nur ca.10,40m breit ist & für die Fahrspurenverknappung (von 4 auf 2) nur noch ca.3,40 übrig bleiben. Ein(e) Bus/Fahrbahn ist heute 2,50m breit, also müssen die Grünflächen mindestens um 1m pro Seite gekappt/reduziert werden, dazu Kanalisation in den Bereich des bestehenden Wurzelswerks verlegt werden. Auch fehlen die Oberleitungen, Masten und die Reduzierung des Astwerks.”

BI Mitbestimmung, 01. September 2020

Der Post beinhaltet mehr fachliche Fehler als Sätze. Der Reihe nach:

  • Die Biebricher Allee ist auf großen Teilen – auch am Ort der Visualisierung – genau genommen heute bereits zweispurig. Aufgrund der Überbreite der Spuren wird sie zwar vierspurig genutzt – formell ist sie aber zu schmal für vier Spuren. Deshalb sind auch nur zwei Fahrspuren markiert.
  • Die Trasse der CityBahn wird in der Biebricher Allee sechs Meter breit sein – nicht, wie behauptet, sieben Meter. Entsprechend reduziert sich die notwendige „Kappung“ der Grünstreifen am Rand. (Interessanterweise hatte die BI Mitbestimmung die sechs Meter im Originalpost korrekt – sie aber knapp eine Stunde später auf sieben Meter verfälscht. Zufall?)
    Sieben Meter wären hingegen notwendig, wenn statt der Gleise Busspuren durch die Allee gebaut würden.
  • Die Oberleitungsmasten sind bereits auf dem Bild vorhanden. Es handelt sich dabei um die Beleuchtungsmasten, die zwischen den Bäumen stehen. Das ist ebenfalls der größte „Fehler“ in der Visualisierung der BI Mitbestimmung: Masten in der Mitte der Allee sind weder aktuell geplant noch waren sie es jemals.
  • Die Oberleitung ist zumindest auf dem Originalbild (siehe hier) vorhanden – wurde vom Merkuristen aber abgeschnitten.
Auszug aus den Planungsunterlagen auf Höhe der Rhönstraße (der Ort der Visualisierung). Rechts im Bild das Aufmaß: die CB-Trasse wird sechs Meter breit.

Aufgrund der Platzverhältnisse zwischen den Baumreihen und den ohnehin schon vorhandenen Masten in der Flucht der Bäume wird es in der Biebricher Allee nach aktuellem Planstand ausschließlich Masten in der Baumreihe geben.

CityBahn GmbH, 11. September 2020

Fazit: Wieso das alles?

Die Kommunikation rund um das Projekt CityBahn schwächelt seit geraumer Zeit an einer Stelle: An den realistischen Visualisierungen des Planungsstandes. Bilder also, die von der breiten Bevölkerung gesehen werden sollten – die Planungsunterlagen sind zwar öffentlich, aber für viele weder attraktiv noch verständlich zu lesen.

Diese Informationslücke nutz(t)en die Anti-Initiativen gezielt aus – mit übertriebenen bis bewusst falschen Informationen. In dem konkreten Beispiel mit der (falschen) Behauptung von massiven Oberleitungsmasten in der Mitte der Biebricher Allee – ist ein Märchen von vielen, die den Anwohnern erzählt wurden und werden.1)Erstaunlicherweise ist das allerdings nicht das abstruseste Märchen – diese reichen, so die Berichte an unseren Infoständen, von einem kompletten Kahlschlag der Allee, über den Abriss der Autobahnauffahrten bis hin zum Verlegen des Autoverkehrs auf die Anwohnerstraßen.

Die Oberleitungsmasten in der Mitte der Biebricher Allee werden seit 2017 seitens der BI Mitbestimmung behauptet und seit dem auch vielfach auf beispielsweise Bannern in Umlauf gebracht – und erzeugen damit ein Bedrohungsszenario, welches auch die (gefühlt) hohe Ablehnung entlang der Allee erklärt.

Die erstmalige, realistische Visualisierung der Biebricher Allee bedroht das Märchen der Masten in der Mitte und die Argumentationsgrundlage der BI Mitbestimmung. Damit lässt sich auch erklären, wieso die BI Mitbestimmung wieder verstärkt ihre eigene Grafik in Umlauf bringt – und dafür sogar Geld ausgibt. Und wieso sie – erneut – Befürworter sperrt – in diesem konkreten Fall den Ersteller der kritisierten Grafik, trotz sachlichen Einwänden.

Schließlich sind Einwände und begründete Widersprüche eine Bedrohung der Filterblase. Besonders bei Menschen, die die Märchen der BI Mitbestimmung glauben und sich in diesem Glauben gegenseitig bestärken.

Quellen

↑ 1. Erstaunlicherweise ist das allerdings nicht das abstruseste Märchen – diese reichen, so die Berichte an unseren Infoständen, von einem kompletten Kahlschlag der Allee, über den Abriss der Autobahnauffahrten bis hin zum Verlegen des Autoverkehrs auf die Anwohnerstraßen.